5. September 1792 – Das Ende der Abtei Wadgassen
In der Nacht vom 4. auf den 5. September 1792 endete eine Geschichte, die mehr als sechs Jahrhunderte zuvor begonnen hatte. Abt Jean Baptiste Bordier und die verbliebenen Prämonstratenser verließen die Abtei Wadgassen und flohen über die Saar nach Bous. Was zunächst als Flucht vor einer unmittelbaren Bedrohung begann, wurde zum endgültigen Abschied: Die Mönche sollten nicht mehr in ihr Kloster zurückkehren.
Die Abtei war zu diesem Zeitpunkt längst in die Wirren der Französischen Revolution geraten. Seit dem Gebietstausch von 1766 lag Wadgassen unter französischer Oberhoheit, während Besitzungen rechts der Saar teilweise zum Heiligen Römischen Reich gehörten. Diese besondere Lage hatte der Abtei zunächst Hoffnung gegeben, der Aufhebung der französischen Klöster entgehen zu können. Der Konvent berief sich auf die beim Übergang an Frankreich zugesicherten Rechte und wehrte sich gegen seine Auflösung. Noch 1792 beschäftigte der Fall die französische Nationalversammlung. Am 29. Juli lehnte diese jedoch endgültig ab, die beschlossene Aufhebung Wadgassens rückgängig zu machen.
Anfang September eskalierte die Situation vor Ort. Aus dem später von Bordier verfassten Bericht geht hervor, dass Bewaffnete die Zugänge der Abtei besetzten, mehrere Personen festsetzten und die Gebäude nach einem angeblichen Waffenlager durchsuchten. Subprior Wetteldorf wurde nach dem Aufenthaltsort des Abtes und weiterer Klosterangehöriger befragt. Schließlich wurde den Prämonstratensern angedroht, am folgenden Tag mit stärkeren Kräften zurückzukehren und sie einzuschließen.
Bordier und seine Mitbrüder entschieden sich zur Flucht. In der Nacht verließen sie Wadgassen und überquerten die Saar nach Bous, das außerhalb des französischen Herrschaftsgebietes lag. Dort hielten sie am 5. September schriftlich fest, weshalb sie ihr Kloster verlassen hatten. Sie protestierten ausdrücklich gegen die Maßnahmen Frankreichs und erklärten, dass sie die Gemeinschaft nicht als aufgelöst betrachteten. Noch hofften sie auf eine Rückkehr.
Von Bous führte der Weg zunächst zur Wadgasser Propstei in Ensheim. Der Versuch, den Konvent zusammenzuhalten, scheiterte jedoch unter den politischen Verhältnissen der folgenden Monate. Die Chorherren zerstreuten sich, einige betreuten ihre bisherigen Pfarreien weiter. Bordier selbst gab die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Abtei lange nicht auf. Noch am 10. Oktober 1793 wandte er sich gemeinsam mit dem Prokurator Schmidt an Kaiser Franz II. und bat um Unterstützung bei der Rückgewinnung des Klosterbesitzes.
Die Entwicklung ließ sich jedoch nicht mehr umkehren. Die Güter der Abtei wurden verstaatlicht und später verkauft oder versteigert, die Klosteranlage ging in Privatbesitz über und wurde teilweise abgebrochen. Bordier gelangte schließlich nach Prag, wo er seit 1796 im Prämonstratenserkloster Strahov lebte. Dort starb der letzte Abt von Wadgassen am 30. Juli 1799. Selbst in seinem Testament hielt er an der Möglichkeit einer Wiedergründung fest und bestimmte sein Vermögen für diesen Zweck.
Dazu kam es nie. Aus der 1135 gegründeten Prämonstratenserabtei, die über Jahrhunderte zu den bedeutenden geistlichen und wirtschaftlichen Institutionen an der mittleren Saar gehört hatte, wurde Geschichte. Ihr Ende vollzog sich nicht in einem einzigen förmlichen Akt vor Ort, sondern in einer Folge von Aufhebung, Bedrohung, Flucht, Enteignung und schließlich Zerstreuung des Konvents.
Der 5. September 1792 steht deshalb wie kaum ein anderes Datum für das Ende des alten Wadgassen. An diesem Tag saßen Bordier und seine Mitbrüder auf der anderen Seite der Saar in Bous und hielten schriftlich fest, dass sie ihr Kloster nur unter Zwang verlassen hätten und zurückkehren wollten. Sie konnten nicht wissen, dass die Nacht zuvor die letzte gewesen war, die ein Wadgasser Abt und sein Konvent in der Abtei verbracht hatten.
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