Johann von Tholey – Wadgassens Abt zwischen Reformation und Bauernkrieg
Als Johann von Tholey zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Leitung der Prämonstratenserabtei Wadgassen übernahm, begann eine der folgenreichsten Epochen der europäischen Geschichte. Die traditionelle Wadgasser Äbteliste setzt seine Amtszeit auf 1510 bis 1525 und führt ihn als XXII. Abt der Abtei. Sein Vorgänger war Paulus Tronz, sein Nachfolger Kilian Heilmann. Anders als Tronz, dessen Amtszeit noch vollständig der spätmittelalterlichen Welt angehörte, erlebte Johann von Tholey den Beginn der Reformation und schließlich den Deutschen Bauernkrieg. Sein letztes Amtsjahr 1525 wurde zugleich zu einem Krisenjahr für auswärtige Besitzungen Wadgassens.
Über Johann selbst ist wiederum erheblich weniger bekannt, als die Länge seiner Amtszeit vermuten lässt. Allerdings gibt es einen bemerkenswerten Hinweis auf seine Herkunft. Julius Bettingen bezeichnet ihn in seiner 1865 erschienenen Geschichte der Stadt und des Amtes St. Wendel ausdrücklich als „Johannes Tholey“, Abt der Prämonstratenserabtei Wadgassen, und schreibt, er sei aus der Stadt St. Wendel gebürtig gewesen. Bettingen gibt seine Amtszeit allerdings abweichend mit 1512 bis 1524 an. Diese Herkunftsangabe wird durch spätere regionalhistorische Forschungen gestützt. Im Heimatbuch des Landkreises St. Wendel wurde 1953/54 darauf hingewiesen, dass sowohl Bettingen als auch Max Müller Johann beziehungsweise Johannes Tholey als gebürtigen St. Wendeler nennen. Im Totenbuch der St. Wendeler Sebastiansbruderschaft findet sich zudem zwischen 1494 und 1510 ein Geistlicher namens Johannes Tholey, bei dem es sich möglicherweise um den späteren Wadgasser Abt handelt. Einen endgültigen Identitätsbeweis stellt dies allerdings nicht dar. Die Formulierung der Quelle ist entsprechend vorsichtig: Dieser Geistliche „könnte“ der spätere Abt gewesen sein. Interessant ist dabei auch der Name „von Tholey“. Er muss nicht bedeuten, dass Johann unmittelbar aus dem Ort Tholey stammte oder dem mittelalterlichen Rittergeschlecht von Tholey angehörte. Die St. Wendeler Überlieferung kennt eine dort ansässige Familie Tholey beziehungsweise Thole. Die Untersuchung von 1953/54 kommt deshalb zu der plausiblen Einschätzung, Johann habe wahrscheinlich dem St. Wendeler Bürgergeschlecht Tholey angehört und nicht dem gleichnamigen Rittergeschlecht. Vollständig beweisen lässt sich auch dies mit den bislang greifbaren Quellen nicht.
Mit seiner Erhebung zum Abt übernahm Johann die Leitung eines Klosters, dessen Bedeutung weit über Wadgassen hinausreichte. Die Abtei verfügte über Grundbesitz, Höfe, Zehntrechte und kirchliche Patronate in einem ausgedehnten Raum. Der Abt war deshalb nicht nur geistlicher Vorsteher des Konvents. Er war zugleich Verwalter einer bedeutenden Grundherrschaft und musste deren wirtschaftliche und rechtliche Interessen vertreten. Auch baulich scheint seine Amtszeit Spuren hinterlassen zu haben. Eine spätere Wadgasser Klosterüberlieferung schreibt Johann Tholey die Errichtung eines bedeutenden Wirtschaftsgebäudes zu. Der Wadgasser Chorherr Conradus Piscator, der im 17. Jahrhundert über die Geschichte der Abtei berichtete, bezeichnete Johann Tholey als Erbauer eines nach Westen gerichteten großen Gebäudes, das für die Wirtschaft des Klosters von erheblicher Bedeutung gewesen sei. In diesem Komplex befanden sich später unter anderem Brauerei, Bäckerei und Räume für das Klosterpersonal. Da Piscator rund anderthalb Jahrhunderte nach Johann schrieb, handelt es sich allerdings nicht um einen zeitgenössischen Beleg. Die Nachricht ist deshalb als klösterliche Überlieferung zu behandeln und nicht mit einer erhaltenen Bauurkunde gleichzusetzen. Gerade diese wirtschaftlichen Einrichtungen erinnern daran, dass eine Abtei wie Wadgassen nicht allein ein Ort des Gebets war. Ein großer Konvent mit Bediensteten, Gästen und abhängigen Höfen musste versorgt werden. Landwirtschaft, Weinbau, Viehhaltung, Mühlen, Vorratshaltung, Backen und Brauen gehörten ebenso zur klösterlichen Wirtschaft wie die Einnahmen aus Zehnten und verpachteten Gütern. Die Leitung dieser Strukturen gehörte mittelbar ebenfalls zum Verantwortungsbereich des Abtes.
Während Johann von Tholey in Wadgassen amtierte, ereignete sich 1517 weit entfernt in Kursachsen etwas, dessen Folgen auch die Saarregion langfristig verändern sollten. Martin Luthers Auftreten gegen den Ablass und die daraus entstehende Reformation stellten innerhalb weniger Jahre grundlegende religiöse und politische Gewissheiten des Reiches infrage. Für Johann und Wadgassen bedeutete 1517 allerdings noch keinen unmittelbaren Zusammenbruch der alten Ordnung. Die Vorstellung, mit dem Anschlag beziehungsweise der Veröffentlichung der 95 Thesen sei plötzlich überall „die Reformation ausgebrochen“, wäre historisch falsch. Der Konflikt entwickelte sich über mehrere Jahre. 1520 veröffentlichte Luther seine großen reformatorischen Schriften, 1521 wurde er auf dem Wormser Reichstag verhört und anschließend mit der Reichsacht belegt. Erst allmählich entstanden dauerhaft evangelische Territorien und Kirchenstrukturen.
Johann von Tholey war damit der erste Wadgasser Abt, der mit der beginnenden Reformation konfrontiert wurde. Wie er persönlich über Luther und dessen Lehre dachte, ist aus den bislang greifbaren Quellen jedoch nicht bekannt. Es wäre deshalb reine Spekulation, ihm eine bestimmte theologische Position oder konkrete Maßnahmen gegen reformatorische Ideen zuzuschreiben. Wesentlich unmittelbarer traf eine andere große Erschütterung seiner Zeit die wirtschaftlichen Interessen der Abtei: der Deutsche Bauernkrieg von 1524/25. Die Ursachen dieses Aufstandes waren vielfältig. Bauern und andere Teile der ländlichen Bevölkerung wandten sich gegen steigende oder als unrechtmäßig empfundene Abgaben, Frondienste, herrschaftliche Eingriffe in traditionelle Nutzungsrechte und andere Belastungen. Zugleich verbanden sich soziale Forderungen teilweise mit den neuen religiösen Vorstellungen der Reformationszeit. Im Frühjahr 1525 erfasste die Bewegung große Teile Südwestdeutschlands. Auch Besitz der Abtei Wadgassen wurde zum Ziel. Am 29. April 1525 versammelte sich in Bockenheim in der Pfalz ein Bauernhaufen, dem sich auch Bürger aus Pfeddersheim anschlossen. Dort befand sich ein Wirtschaftshof der Prämonstratenserabtei Wadgassen. Die Aufständischen plünderten den Weinkeller des Wadgasser Hofes und zogen anschließend weiter, um in den umliegenden Orten zusätzliche Anhänger zu gewinnen. Der Vorgang ist auch in der heutigen historischen Aufarbeitung des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde ausdrücklich dokumentiert. Damit erreichte der Bauernkrieg unmittelbar das wirtschaftliche Besitzsystem jener Abtei, der Johann von Tholey vorstand. Bemerkenswert ist dabei die Vorgeschichte. Schon unter seinem Vorgänger Paulus Tronz hatte es 1501 einen umfangreichen Streit zwischen Wadgassen und Kleinbockenheim über gegenseitige Rechte und Verpflichtungen gegeben. Dabei ging es unter anderem um kirchliche Leistungen, Zehntrechte, Weidenutzung und andere wirtschaftliche Verpflichtungen. Die Plünderung von 1525 darf nicht einfach als direkte Fortsetzung dieses konkreten Rechtsstreites interpretiert werden. Sie zeigt jedoch, dass die wirtschaftlichen und herrschaftlichen Strukturen, auf denen Klöster wie Wadgassen beruhten, nun grundsätzlich unter Druck geraten konnten. Für die Abtei offenbarte sich damit zugleich ein strukturelles Problem ihres großen Besitzes. Die weit verstreuten Höfe und Rechte waren in friedlichen Zeiten wirtschaftlich wertvoll. In einer Krise konnten Besitzungen, die viele Tagesreisen vom Mutterkloster entfernt lagen, jedoch kaum geschützt werden. Was Wadgassen über Jahrhunderte wirtschaftliche Stärke verliehen hatte, bedeutete in Zeiten von Aufständen auch Verwundbarkeit.
Ob Johann von Tholey die Plünderung des Bockenheimer Hofes noch persönlich erlebte, ist eine besonders interessante chronologische Frage. Die traditionelle Wadgasser Äbteliste lässt seine Amtszeit 1525 enden. Ältere St. Wendeler Literatur gibt dagegen 1524 als Todesjahr beziehungsweise Ende seiner Amtszeit an. Julius Bettingen vermerkt sogar ausdrücklich „1524 † Johann Tholey Abt zu Wadgassen“. Dem steht jedoch ein anderer, gewichtiger Hinweis gegenüber. Das Heimatbuch des Landkreises St. Wendel verweist unter Berufung auf Walter Zimmermanns Die Kunstdenkmäler der Kreise Ottweiler und Saarlouis darauf, dass Johann von Tholey 1525 in der Klosterkirche zu Wadgassen begraben wurde. Diese Angabe passt wesentlich besser zur traditionellen Wadgasser Chronologie. Solange der zugrunde liegende Grab- oder Inschriftenbefund nicht unmittelbar überprüft ist, sollte man den Widerspruch nicht künstlich auflösen. Sicher ist: Johanns Amtszeit endete 1524 oder 1525, wobei die Wadgasser Überlieferung und die kunsthistorische Dokumentation für 1525 sprechen. Auf ihn folgte Kilian Heilmann.
Johanns Tod beziehungsweise Amtsende fiel damit genau in eine historische Zäsur. Innerhalb weniger Jahre hatten sich die politischen und religiösen Verhältnisse im Reich dramatisch verändert. 1510 war die Einheit der lateinischen Kirche im Reich noch weitgehend selbstverständlich gewesen. 1525 existierte bereits eine mächtige reformatorische Bewegung. Gleichzeitig hatte der Bauernkrieg gezeigt, wie schnell sich soziale, wirtschaftliche und religiöse Konflikte zu offener Gewalt verbinden konnten. Für Wadgassen bedeutete dies jedoch keineswegs das Ende. Die Abtei blieb katholisch und bestand noch mehr als zweieinhalb Jahrhunderte. Gerade darin unterscheidet sich ihre Geschichte von zahlreichen Klöstern in Gebieten, deren Landesherren später die Reformation einführten und die Klöster auflösten oder säkularisierten.
Johann von Tholey steht somit an einer besonders markanten Stelle der Wadgasser Geschichte. Sein Vorgänger Paulus Tronz hatte noch vollständig in der vorreformatorischen Welt regiert. Johann erlebte dagegen jene Jahre, in denen diese Welt erstmals grundsätzlich erschüttert wurde. Zwischen seinem Amtsantritt um 1510 und seinem Tod beziehungsweise Ausscheiden 1525 liegen Luthers Auftreten, der Wormser Reichstag, die rasche Ausbreitung reformatorischer Ideen und schließlich der Bauernkrieg. Von Johann selbst besitzen wir dennoch kein persönliches Zeugnis darüber, wie er diese Veränderungen wahrnahm. Keine bekannte Schrift verrät seine Gedanken über Luther, keine Chronik schildert ausführlich seine Reaktion auf die Unruhen. Historisch greifbar bleibt vor allem der Abt als Repräsentant einer alten und wirtschaftlich bedeutenden geistlichen Institution. Unter Johann von Tholey überschritt die Geschichte Wadgassens die Grenze zwischen zwei Epochen. Als er die Abtei übernahm, schien die überlieferte kirchliche Ordnung noch selbstverständlich. Als seine Amtszeit endete, war diese Selbstverständlichkeit verschwunden.
Falls die Überlieferung seiner Bestattung im Jahr 1525 zutrifft, fand Johann seine letzte Ruhestätte in der Klosterkirche von Wadgassen. Damit blieb er auch nach seinem Tod an jenem Ort, dessen Geschicke er rund anderthalb Jahrzehnte geleitet hatte. Die Abteikirche, in der sein Grab gelegen haben soll, ist längst verschwunden. Sein Name aber blieb in den Äbtelisten erhalten – als der Wadgasser Abt, dessen Amtszeit unmittelbar vom Ende des Mittelalters in die konfliktreiche Welt von Reformation und Bauernkrieg führte.
Quellen und Literatur
Bettingen, Julius: Geschichte der Stadt und des Amtes St. Wendel, St. Wendel 1865.
Burg, Josef (Hg): Regesten der Prämonstratenserabtei Wadgassen bis zum Jahre 1571, Saarbrücken 1980.
Tritz, Michael: Geschichte der Abtei Wadgassen, zugleich eine Kultur- und Kriegsgeschichte der Saargegend, Nach Urkunden und authentischen Berichten, Wadgassen 1901 (1978).
Zimmermann, Walter: Die Kunstdenkmäler der Kreise Ottweiler und Saarlouis, Düsseldorf 1934.
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