Sommertheater der Cristallerie Wadgassen






Der Spielplan des Sommertheaters in der Cristallerie Wadgassen



Welche Stücke wurden eigentlich im Sommertheater in der Cristallerie Wadgassen aufgeführt? Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Theaterbetriebs ist diese zunächst einfach erscheinende Frage überraschend schwierig zu beantworten. Einen vollständigen Spielplan aller Jahre von 1989 bis 2000 findet man im Internet nicht. Aus zeitgenössischen Berichten, Künstlerbiografien, Theaterdatenbanken und späteren Erinnerungen lässt sich jedoch ein Teil des Programms rekonstruieren.

Dabei zeigt sich, dass die häufig genannten Produktionen New York Story, Die Herbst-Zeitlosen, Cabaret und Der Mann von La Mancha nur einen Ausschnitt aus dem Programm darstellen. Schon in den ersten Jahren wurden bekannte Klassiker aufgeführt, später kamen Komödien und aufwendige Musicalproduktionen hinzu.

Die Anfänge ab 1989

Der Verein „Theater in der Cristallerie e.V.“ wurde 1989 gegründet. Für die ersten Jahre war der Schauspieler und Regisseur Burkhard Jahn eine der prägenden Persönlichkeiten des Hauses. Von 1989 bis 1992 war er künstlerischer Leiter des Theaters in der Cristallerie.

Aus dieser Zeit sind mehrere seiner Wadgasser Inszenierungen nachweisbar: Goethes Urfaust, Bertolt Brechts und Kurt Weills Die Dreigroschenoper sowie Gotthold Ephraim Lessings Minna von Barnhelm.

Welches dieser Stücke in welchem Jahr zwischen 1989 und 1992 gespielt wurde, lässt sich anhand der derzeit öffentlich zugänglichen Quellen allerdings nicht zuverlässig bestimmen. Eine Zuordnung zu einzelnen Spielzeiten wäre deshalb Spekulation.

„Piaf“ – die erste Aufführung

Für den Beginn des Sommertheaters gibt es noch einen weiteren wichtigen Hinweis. In einem Nachruf auf Uta Merkle, die zu den prägenden Personen des Sommertheaters gehörte, wird ausdrücklich berichtet, dass die allererste Aufführung das Musical Piaf gewesen sei.

Das passt zur Ausrichtung des frühen Sommertheaters. Während der Sommermonate wurde die ehemalige Fabrik für mehrere Monate zu einem Veranstaltungsort mit Musicals, Schauspiel und Konzerten. Künstlerinnen und Künstler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum kamen dafür nach Wadgassen.

Ein genaues Aufführungsdatum für Piaf konnte bislang nicht ermittelt werden. Da es ausdrücklich als erste Aufführung bezeichnet wird, gehört das Stück jedoch an den Anfang der Geschichte des Theaters.

1989 bis 1992 – die Ära Burkhard Jahn

Für die ersten Spielzeiten ergibt sich damit bislang folgendes Bild:

Piaf – als erste Aufführung des Sommertheaters überliefert

Urfaust – Regie Burkhard Jahn

Die Dreigroschenoper – Regie Burkhard Jahn

Minna von Barnhelm – Regie Burkhard Jahn

Die drei Inszenierungen Burkhard Jahns können aufgrund seiner Tätigkeit als künstlerischer Leiter dem Zeitraum 1989 bis 1992 zugeordnet werden. Ihre genaue Reihenfolge ist jedoch noch offen.

Dass das Theater bereits in dieser frühen Phase über Wadgassen hinaus Beachtung fand, zeigt auch eine Veröffentlichung der Vereinigung für die Heimatkunde im Landkreis Saarlouis aus dem Jahr 1989. Dort erschien unter der Überschrift „Erstklassiges Theater im Herzen des Saarlandes“ ein Interview mit dem damaligen neuen Vorsitzenden des Vereins „Theater in der Cristallerie e.V.“, Professor Werner.

Das Sommertheater war damit bereits unmittelbar nach seiner Gründung mehr als eine gelegentlich genutzte Amateurbühne.

1993 und 1994 – noch eine Lücke

Für die Spielzeiten 1993 und 1994 konnten bei der Recherche bislang keine Produktionen mit hinreichender Sicherheit identifiziert werden.

Das bedeutet nicht, dass in diesen Jahren keine Aufführungen stattfanden. Es bedeutet lediglich, dass sich die damaligen Programme mit den heute öffentlich im Internet zugänglichen Quellen nicht zuverlässig rekonstruieren lassen.

Gerade bei einer historischen Dokumentation sollte diese Lücke sichtbar bleiben, statt sie mit Vermutungen zu füllen.

1995 – La Nona – Oma frisst!

Für 1995 wird die Quellenlage wieder wesentlich besser.

In der Sommertheatersaison 1995 wurde die schwarze Komödie La Nona – Oma frisst! des argentinischen Dramatikers Roberto Cossa in der Cristallerie aufgeführt.

Regie führte der Berliner Künstler und Regisseur Gerald Uhlig. Zu den Mitwirkenden gehörten Steffen Gresch als Don Francisco sowie Ingrid Braun und Christiane Heinemann.

Damit ist La Nona eine der Produktionen des Sommertheaters, die sich nicht nur als Titel, sondern auch mit Spielzeit, Regisseur und mehreren Darstellern belegen lässt.

1996 – New York Story von Yoko Ono

Eine der außergewöhnlichsten Produktionen in der Geschichte des Sommertheaters folgte 1996.

Am 18. Juli 1996 wurde im Theater in der Cristallerie New York Story von Yoko Ono uraufgeführt. Die deutschen Texte stammten von Gerald Uhlig, der auch Regie führte. Wolfgang Norman Dahlheimer übernahm die Arrangements und die musikalische Leitung. Bühne und Ausstattung nutzten die außergewöhnlichen Dimensionen der ehemaligen Fabrik.

Zur Besetzung gehörten unter anderem Annette Schaden, Halina Kremser, Mikhail Honesseau, Wiebke Wiedeck, Caroline Fournelle, Andreas Meyer-Klement, Daniela Blaes, Ina Rudolph, José Hernan und Matthias Rötting.

Die Produktion erregte überregionale Aufmerksamkeit. Auch die Presse berichtete über die ungewöhnliche Uraufführung in Wadgassen. Yoko Onos persönliches Erscheinen war erwartet worden; wegen Konzerten in den Vereinigten Staaten kam sie schließlich nicht ins Saarland.

Die Wadgasser Inszenierung blieb nicht auf die Cristallerie beschränkt. New York Story wurde später auch außerhalb des Saarlandes gezeigt.

Cabaret – eine widersprüchliche Datierung

Bei Cabaret ist die Quellenlage überraschend widersprüchlich.

In Darstellungen zur Geschichte der Cristallerie wird Cabaret regelmäßig dem Jahr 1998 zugeordnet. Diese Jahresangabe wurde über Jahre hinweg weitergegeben.

Eine Künstlerbiografie des Schauspielers und Musicaldarstellers Holger Hauer nennt dagegen ausdrücklich:

1996 – Cristallerie, Wadgassen – Cabaret – Regie: Peter Zeug – Rolle: Conférencier.

Damit existiert ein konkreter personenbezogener Beleg für eine Wadgasser Cabaret-Produktion im Jahr 1996.

Ob Cabaret tatsächlich 1996 statt 1998 gespielt wurde, ob es eine Wiederaufnahme gab oder ob eine der beiden Jahresangaben auf einem Übertragungsfehler beruht, lässt sich anhand der derzeit verfügbaren Online-Quellen nicht endgültig entscheiden.

Für eine historische Darstellung sollte Cabaret deshalb derzeit nicht ohne Vorbehalt ausschließlich dem Jahr 1998 zugeordnet werden.

1997 – Die Herbst-Zeitlosen

Für das Jahr 1997 ist Die Herbst-Zeitlosen als Produktion des Sommertheaters überliefert.

Eine weitere unabhängige Spur bestätigt zumindest den umfangreichen Theaterbetrieb dieses Jahres: In einem beruflichen Lebenslauf ist für Juni bis September 1997 die Tätigkeit als künstlerisch-technischer Koordinator beim „9. Theatersommer“ des Theaters in der Cristallerie Wadgassen verzeichnet.

Die Bezeichnung als neunter Theatersommer passt zeitlich zum Beginn des Theaterbetriebs im Jahr 1989.

Über Besetzung, Regie und genaue Aufführungstermine von Die Herbst-Zeitlosen konnten bislang keine ausreichend verlässlichen öffentlich zugänglichen Quellen gefunden werden.

1998 – die bislang unsicherste der späten Spielzeiten

Traditionell wird Cabaret dem Jahr 1998 zugerechnet. Wie bereits dargestellt, steht dieser Datierung jedoch die konkrete Künstlerbiografie Holger Hauers gegenüber, die seine Mitwirkung als Conférencier in Cabaret an der Cristallerie bereits für 1996 nennt.

Damit bleibt auch die Frage offen, welches Programm 1998 tatsächlich vollständig gespielt wurde.

Bis zur Einsicht in originale Spielpläne oder Programmhefte sollte die Zuordnung „1998 – Cabaret“ deshalb als überliefert, aber nicht abschließend gesichert betrachtet werden.

1999 – Der Mann von La Mancha

Für 1999 existieren wieder sehr konkrete zeitgenössische Angaben.

Am 1. Juli sollte das Musical Der Mann von La Mancha Premiere haben. Raimund Gensel spielte die Hauptrolle. Die künstlerische Leitung der Saison lag bei Barbara Krabbe und Raimund Gensel.

Auch eine erhaltene Werbekarte dokumentiert Der Mann von La Mancha ausdrücklich als Produktion der Cristallerie Wadgassen aus dem Jahr 1999.

Die Produktion gehört damit zu den am besten belegten Aufführungen der letzten Jahre des Sommertheaters.

1999 – Nächstes Jahr, gleiche Zeit

Der Mann von La Mancha war 1999 nicht die einzige geplante Premiere.

Ein zeitgenössischer Bericht kündigte für die Cristallerie ausdrücklich zwei Premieren an. Neben dem Musical sollte Nächstes Jahr, gleiche Zeit von Bernard Slade gespielt werden. Der genaue Premierentermin dieses Stückes stand zum Zeitpunkt des Berichts noch nicht fest.

Dieser Fund ist für die Rekonstruktion des Spielplans besonders wichtig. Er zeigt, dass die später häufig anzutreffende Aufzählung von nur einer großen Produktion pro Jahr den tatsächlichen Theaterbetrieb nicht vollständig wiedergibt.

2000 – das Ende

Im Jahr 2000 endete der Theaterbetrieb in der Cristallerie. Als Ursache werden die hohen Kosten beziehungsweise wirtschaftliche Gründe genannt.

Damit endete nach rund einem Jahrzehnt ein ungewöhnliches Kapitel der Wadgasser Kulturgeschichte. Die ehemalige Glashütte war in dieser Zeit nicht nur Kulisse, sondern wesentlicher Bestandteil des Theatererlebnisses gewesen.

Was wir heute sicher wissen

Aus den bislang auffindbaren Quellen ergibt sich damit folgende vorläufige Übersicht:

Beginn des Theaters – Piaf, als erste Aufführung überliefert

1989–1992 – Urfaust, Regie Burkhard Jahn

1989–1992 – Die Dreigroschenoper, Regie Burkhard Jahn

1989–1992 – Minna von Barnhelm, Regie Burkhard Jahn

1995 – La Nona – Oma frisst!, Regie Gerald Uhlig

1996 – New York Story von Yoko Ono, Uraufführung am 18. Juli 1996, Regie Gerald Uhlig

1996 oder 1998 – Cabaret; Holger Hauers Künstlerbiografie nennt 1996 und Peter Zeug als Regisseur, die Wadgasser Überlieferung nennt 1998

1997 – Die Herbst-Zeitlosen

1999 – Der Mann von La Mancha, Premiere am 1. Juli 1999 angekündigt

1999 – Nächstes Jahr, gleiche Zeit von Bernard Slade, als zweite Premiere der Saison angekündigt

2000 – Einstellung des Sommertheaters

Diese Aufstellung ist ausdrücklich keine vollständige Liste sämtlicher Aufführungen. Vor allem für 1993, 1994 und Teile der übrigen Spielzeiten fehlen weiterhin verlässliche Angaben.

Der entscheidende Bestand liegt vermutlich im Gemeindearchiv

Für eine endgültige Rekonstruktion gibt es jedoch eine vielversprechende Quelle: In den Nachweisen zur Geschichte der Cristallerie wird ausdrücklich eine „Spielplansammlung Sommertheater Cristallerie Wadgassen“ im Gemeindearchiv Wadgassen genannt.

Diese Sammlung dürfte wesentlich genauer Auskunft darüber geben können, welche Stücke, Musicals, Konzerte und weiteren Veranstaltungen in den einzelnen Jahren tatsächlich stattfanden.

Die Geschichte des Sommertheaters ist damit noch nicht vollständig geschrieben. Schon die heute nachweisbaren Produktionen zeigen jedoch die bemerkenswerte Spannweite des Programms: von Goethe und Lessing über Brecht und Weill bis zu Roberto Cossa, Broadway-Musicals und schließlich einer Uraufführung von Yoko Ono.

Für wenige Jahre wurde aus den stillgelegten Hallen und Brennofenbereichen der ehemaligen Cristallerie ein Theater, das Künstler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach Wadgassen brachte und mit einzelnen Produktionen weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit erregte.

 

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