Das Sommertheater in der Cristallerie Wadgassen



Nach dem Ende der Glasproduktion erhielt die alte Cristallerie Wadgassen für einige Jahre eine völlig neue Bestimmung. Wo zuvor Glas hergestellt, gelagert und verarbeitet worden war, hielten Schauspiel, Musik und Musical Einzug. Das Sommertheater in der Cristallerie machte die ehemalige Industrieanlage in den 1990er Jahren zu einem ungewöhnlichen Kulturort und gehört damit zu einem besonderen Kapitel der jüngeren Wadgasser Geschichte.

Vom Industriestandort zur Theaterbühne

Die Cristallerie Wadgassen war seit dem 19. Jahrhundert eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Ortes verbunden. Nachdem die Glasproduktion 1986 endete, standen Teile der weitläufigen Anlage vor einer ungewissen Zukunft. Für das Sommertheater bot gerade diese Industriearchitektur jedoch Möglichkeiten, die ein gewöhnliches Theatergebäude kaum bieten konnte.

Der 1989 gegründete Theaterverein nutzte Bereiche der ehemaligen Lagerräume sowie Räume rund um die großen Brennöfen des Hauptgebäudes. Damit entstand eine Spielstätte, deren Atmosphäre wesentlich durch ihre industrielle Vergangenheit geprägt war. Die historischen Mauern und die gewaltigen Überreste der Glasproduktion bildeten eine außergewöhnliche Kulisse für Schauspiel und Musiktheater.

Das Theater bestand von Ende der 1980er Jahre bis zum Jahr 2000. Insbesondere während der 1990er Jahre entwickelte sich die ehemalige Cristallerie damit zu einem kulturellen Veranstaltungsort, dessen Bedeutung weit über die reine Nachnutzung eines leerstehenden Industriegebäudes hinausging.

„New York Story“ – Yoko Ono in Wadgassen

Einen besonderen Höhepunkt erlebte das Theater 1996. Am 18. Juli 1996 wurde in der Cristallerie die New York Story von Yoko Ono aufgeführt. Das Werk basierte auf ihrem Musical New York Rock und wurde von dem Berliner Künstler und Regisseur Gerald Uhlig für die Wadgasser Aufführung neu inszeniert. Die Arrangements und musikalische Leitung übernahm Wolfgang Norman Dahlheimer.

Dass ein Werk Yoko Onos ausgerechnet in der ehemaligen Glashütte in Wadgassen auf die Bühne kam, sorgte auch überregional für Aufmerksamkeit. Die Presse berichtete über die ungewöhnliche Produktion; selbst die Anwesenheit Yoko Onos war im Vorfeld erwartet worden. Sie konnte schließlich wegen Konzerten in den USA nicht nach Wadgassen kommen.

Damit wurde das Sommertheater für kurze Zeit zu einem Spielort, der auch außerhalb des Saarlandes wahrgenommen wurde. Die New York Story blieb nicht auf Wadgassen beschränkt: Die Produktion wurde später unter anderem in Berlin gezeigt.

Die letzten großen Produktionen

Auch in den folgenden Jahren wurden die ehemaligen Räume der Cristallerie weiterhin für größere Theater- und Musicalproduktionen genutzt. Zu den bekannten Aufführungen der letzten Jahre gehörten:

1996 – New York Story
1997 – Die Herbst-Zeitlosen
1998 – Cabaret
1999 – Der Mann von La Mancha

Damit entstand für einige Sommer eine bemerkenswerte Verbindung zwischen der Vergangenheit der Cristallerie und einer neuen kulturellen Nutzung. Wo jahrzehntelang die Hitze der Glasöfen den Arbeitsalltag bestimmt hatte, standen nun Schauspieler, Sänger und Musiker auf der Bühne.

Gerade diese Verbindung machte den Reiz des Sommertheaters aus. Die industrielle Vergangenheit wurde nicht versteckt, sondern blieb Teil des Ortes. Die ehemaligen Lagerräume, die alten Mauern und insbesondere die erhaltenen Brennöfen verliehen dem Theater einen Charakter, der sich mit einem konventionellen Bühnenhaus kaum vergleichen ließ.

Das Ende im Jahr 2000

Trotz der außergewöhnlichen Spielstätte und anspruchsvoller Produktionen ließ sich das Sommertheater langfristig wirtschaftlich nicht weiterführen. Im Jahr 2000 wurde der Theaterbetrieb aus Kostengründen eingestellt.

Damit endete nach etwas mehr als einem Jahrzehnt ein ungewöhnliches kulturelles Experiment. Die Cristallerie verlor ihre Funktion als Theater, doch die Spuren dieser Zeit verschwanden nicht sofort. Noch Jahre später waren in den nicht umgebauten Bereichen Überreste der Theaterzeit zu finden. Bühnenbereiche, Einbauten und andere Relikte erinnerten daran, dass die ehemalige Fabrik für einige Jahre nicht nur ein Denkmal der Wadgasser Industriegeschichte, sondern auch ein Ort für Kunst und Kultur gewesen war.

Das Sommertheater bildet deshalb ein interessantes Bindeglied in der Geschichte der Cristallerie: Nach der Glasproduktion und vor der späteren gewerblichen Umnutzung wurde aus der alten Fabrik für kurze Zeit ein Theater.

Gerade darin liegt seine historische Besonderheit. Das Sommertheater zeigte, dass ein aufgegebener Industriestandort nicht zwangsläufig nur als Relikt einer vergangenen Epoche betrachtet werden muss. Für rund ein Jahrzehnt wurde die Cristallerie noch einmal mit neuem Leben erfüllt – nicht mehr durch Glasbläser und Brennöfen, sondern durch Schauspieler, Musiker und ein Publikum, das zwischen den Zeugnissen der Wadgasser Industriegeschichte Theater erleben konnte.

 

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