Mariä Heimsuchung – die Pfarrkirche von Wadgassen in alter Tradition


Wer durch Wadgassen fährt, kommt an ihr kaum vorbei: Die katholische Pfarrkirche Mariä Heimsuchung in der Lindenstraße gehört seit mehr als 140 Jahren zum Ortsbild. Ihre Geschichte reicht allerdings viel weiter zurück als das heutige Gebäude und ist eng mit der Geschichte Wadgassens und seiner ehemaligen Prämonstratenserabtei verbunden. Das Marienpatronat ist dabei kein Zufall. Bereits die 1135 gegründete Abtei Wadgassen stellte sich unter den Schutz der Gottesmutter Maria. Die heutige Pfarrkirche steht damit in einer religiösen Tradition, die den Ort über viele Jahrhunderte geprägt hat.

Die Pfarrkirche der Wadgasser Bevölkerung war ursprünglich allerdings nicht die große Kirche der Abtei. Oberhalb der Klosteranlage befand sich die sogenannte Oberkirche, eine dem heiligen Nikolaus geweihte ältere Pfarrkirche. Sie lässt sich bereits auf historischen Darstellungen der Klosteranlage erkennen. Als sie baufällig geworden war, wurde sie abgebrochen; Teile ihres Baumaterials wurden für den Bau von Häusern in der Festungsstadt Saarlouis verwendet. Nach dem Ende der Abtei und den Umwälzungen der Französischen Revolution entstand 1806 auf den alten Grundmauern eine neue Pfarrkirche. Doch Wadgassen veränderte sich im 19. Jahrhundert. Die Bevölkerung wuchs, der Ort entwickelte sich und die kleine Kirche genügte schließlich nicht mehr den Bedürfnissen der Gemeinde. Am 8. Januar 1865 fasste der Kirchenrat unter Pfarrer Bartz deshalb den Beschluss, eine neue und größere Pfarrkirche zu bauen.

Bis daraus Wirklichkeit wurde, dauerte es jedoch. Der ab 1872 einsetzende Kulturkampf zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche brachte das Vorhaben zunächst ins Stocken, staatliche finanzielle Unterstützung fiel weg. Die Wadgasser ließen ihr Projekt dennoch nicht fallen. Durch Spenden wuchs der Baufonds bis 1877 so weit an, dass der Neubau schließlich gewagt werden konnte. Mit der Planung wurde der aus Vianden stammende luxemburgische Staatsarchitekt Karl Arendt beauftragt. Am 24. Juni 1880 erfolgte der erste Spatenstich, am 26. September wurde feierlich der Grundstein gelegt. Schon im folgenden Sommer stand der Rohbau unter Dach. 1882 wurden die Gewölbe eingezogen und die Fußbodenfliesen verlegt. Am 8. September 1882 konnte die Gemeinde schließlich feierlich in ihre neue Kirche einziehen; zwei Tage später wurde sie eingesegnet. Entstanden war die bis heute das Ortsbild prägende neoromanische Sandsteinkirche mit ihrem weithin sichtbaren Turm. Sie steht heute als Einzeldenkmal unter Denkmalschutz.

Auch nach ihrer Fertigstellung blieb die Kirche nicht unverändert. 1883 wurde die mehr als zwei Meter hohe Marienstatue über dem Hauptportal angebracht, geschaffen vom Bildhauer Loser aus St. Johann. 1893 erhielt der Innenraum eine Ausmalung, ein Jahr später wurde eine Turmuhr eingebaut. 1902 kamen die beiden Nebenportale mit den darüberliegenden Fenstern hinzu, 1910 wurde ein neuer Hochaltar aufgestellt und 1913 erhielt die Apsis neue Farbverglasungen aus der Trierer Werkstatt Binsfeld. Besonders einschneidend waren die Veränderungen des 20. Jahrhunderts. Nach den Kriegszerstörungen erfolgte von 1950 bis 1952 der Wiederaufbau, anschließend wurden bis 1955 Restaurierungsarbeiten im Inneren durchgeführt. In den Jahren 1963 und 1964 folgten Veränderungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Bei der großen Renovierung von 1980 bis 1982 wurde schließlich auch der Altarraum durch die Kölner Künstler Theo Heiermann und Elmar Hillebrand neu gestaltet. Weitere künstlerische Akzente kamen später hinzu.

Die Kirche ist aber mehr als eine Abfolge von Baudaten. Generationen von Wadgassern wurden hier getauft, gingen zur Erstkommunion, heirateten oder nahmen Abschied von Angehörigen. Auch ein bekannter Sohn Wadgassens ist unmittelbar mit ihr verbunden: der Priester und Schriftsteller Johannes Kirschweng. Am 6. April 1924 feierte er in der Pfarrkirche seine Primiz. Später las Kirschweng hier als Privatgeistlicher die Messe und unterstützte bei Bedarf den örtlichen Pfarrer. Für einen Schriftsteller, dessen Werk immer wieder von seiner saarländischen Heimat und der Geschichte Wadgassens geprägt wurde, war die Kirche damit nicht nur ein Gebäude seiner Kindheit, sondern auch Teil seines eigenen Lebensweges.

Bis heute wird die Verbindung zwischen Pfarrkirche, Ort und Abtei bewusst gepflegt. Besonders sichtbar wurde dies 2024 mit einem neuen Wandbild in der Kirche. Es zeigt Norbert von Xanten, den Gründer des Prämonstratenserordens, gemeinsam mit Wolfram, dem ersten Abt des Klosters Wadgassen. Historisch lässt sich zwar nicht beweisen, dass sich die dargestellte Szene genau so abgespielt hat, doch sie schlägt bewusst eine Brücke zurück zu den Anfängen der Abtei und damit zu einem entscheidenden Kapitel der Wadgasser Geschichte.

So steht Mariä Heimsuchung heute an einem besonderen Punkt der Wadgasser Geschichte. Sie ist nicht die alte Abteikirche und sollte mit ihr auch nicht verwechselt werden. Die große barocke Klosterkirche ging nach dem Ende der Abtei unter; von ihr sind nur noch Reste erhalten. Die heutige Pfarrkirche entstand erst im 19. Jahrhundert. Und dennoch führt eine historische Linie von der mittelalterlichen Marienverehrung der Prämonstratenser über die alte Pfarrkirche und den Neubau von 1806 bis zur heutigen Kirche. Vielleicht liegt gerade darin ihre Bedeutung: Mariä Heimsuchung ist kein übrig gebliebenes Gebäude aus der großen Zeit der Abtei, sondern ein Zeugnis dafür, wie die Wadgasser ihre religiöse Tradition nach dem Untergang des Klosters weitergeführt haben. Aus dem einstigen Klosterort war längst ein moderner Industrieort geworden, doch die Verbindung zur eigenen Geschichte blieb bestehen – und sie ist im Turm von Mariä Heimsuchung bis heute weithin sichtbar.

Siehe auch: Zeittafel

 

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