Neuester Beitrag

19. September 902 – Als Wadgassen erstmals in die Geschichte trat



Am 19. September 902 geschah in Wadgassen etwas, das mehr als 1100 Jahre später noch immer den Beginn seiner schriftlich fassbaren Geschichte markiert. Der ostfränkische König Ludwig IV., genannt „das Kind“, hielt sich hier auf und ließ eine Urkunde ausstellen. Als Ausstellungsort erscheint darin die „villa Wuadegozzinga“ – die älteste bislang bekannte schriftliche Nennung Wadgassens.

Dass Wadgassen damit 902 „gegründet“ worden sei, wäre allerdings falsch. Eine urkundliche Ersterwähnung bedeutet lediglich, dass ein bereits bestehender Ort erstmals in einer erhaltenen schriftlichen Quelle erscheint. Die Gegend war wesentlich früher besiedelt. Archäologische Funde aus dem Gebiet der heutigen Gemeinde reichen bis in vorgeschichtliche Zeit zurück und belegen auch eine Besiedlung während der gallorömischen Epoche. Das Wadgassen des Jahres 902 war zudem nicht das spätere Klosterdorf. Die Bezeichnung „villa“ weist vielmehr auf einen größeren Hof- und Besitzkomplex hin, der dem königlichen Herrschaftsbereich zuzurechnen war. Der später als Königshof bezeichnete Ort besaß offenbar genügend Bedeutung und Infrastruktur, um dem reisenden König und seinem Gefolge als Aufenthalts- und Urkundsort zu dienen.

Der König, der an diesem Septembertag hier weilte, war selbst erst etwa neun Jahre alt. Ludwig war 893 als Sohn Kaiser Arnulfs von Kärnten geboren worden und hatte nach dessen Tod Ende 899 die Herrschaft übernommen. Im Februar 900 wurde er zum König erhoben. Selbständige Regierung im modernen Sinne konnte ein Kind dieses Alters selbstverständlich nicht führen. Die tatsächliche Politik wurde wesentlich von den geistlichen und weltlichen Großen seines Reiches bestimmt. Gerade die Bischöfe gehörten zu den wichtigsten Stützen seiner Herrschaft. Für lothringische Angelegenheiten spielte der Trierer Erzbischof Radbod eine herausragende Rolle.

Genau ihm galt die in Wadgassen ausgestellte Urkunde. Ludwig bestätigte beziehungsweise restituierte der Trierer Kirche Rechte und Einkünfte, die ihr früher entzogen worden waren. Dazu gehörten insbesondere Münz- und Zollrechte sowie bestimmte Abgaben und Personengruppen, die dem königlichen Fiskus unterstanden. Die Urkunde war damit kein Dokument über Wadgassen selbst. Der Ort wurde erwähnt, weil sich der König dort befand und das Diplom dort ausgestellt wurde. Gerade diese beiläufige Ortsangabe wurde jedoch für die Wadgasser Geschichte entscheidend.

Der Aufenthalt passt zugleich in das politische Geschehen jener Tage. Ludwig hielt sich 902 kurzzeitig in Lothringen auf. Noch am 18. September waren die Erzbischöfe Hatto von Mainz und Heriveus von Reims im Raum Kusel nachweisbar; am folgenden Tag urkundete der junge König, von Metz kommend, in Wadgassen. Der Ort lag damit an einer Route, auf der sich königliche Herrschaft tatsächlich bewegte. Denn das ostfränkische Reich besaß keine Hauptstadt im heutigen Sinne. Könige reisten mit ihrem Hof zwischen Pfalzen, Königshöfen und anderen geeigneten Aufenthaltsorten. Herrschaft wurde dort ausgeübt, wo sich der König mit seinem Gefolge gerade befand.

Die Urkunde vom 19. September 902 ist allerdings nicht im Original erhalten. Ihr Text wurde in späteren Abschriften überliefert. Das schmälert ihren Wert als Quelle für die Ersterwähnung Wadgassens nicht, mahnt aber zur Genauigkeit: Wir besitzen kein Pergament, das Ludwig vor mehr als elf Jahrhunderten in Wadgassen hinterlassen hätte, sondern die mittelalterliche Überlieferung eines dort ausgestellten königlichen Diploms.

Der Königshof blieb auch danach Teil der großen politischen Entwicklung der Region. 1080 übertrug König Heinrich IV. die „villa Wadgassen“ an Sigbert, den Grafen im unteren Saargau. Dessen Familie bildete später das Haus der Grafen von Saarbrücken. Sigberts Sohn Friedrich bestimmte den Wadgasser Besitz schließlich für die Gründung eines geistlichen Stifts. 1135 entstand daraus das Prämonstratenserkloster Wadgassen, das über Jahrhunderte die Geschichte des Ortes und weiter Teile der mittleren Saarregion prägen sollte.

Am Anfang dieser schriftlich überlieferten Geschichte steht jedoch jener 19. September 902. Wadgassen erscheint nicht als unbedeutendes Dorf am Rand des Reiches, sondern als „villa Wuadegozzinga“, als königlicher Aufenthaltsort, an dem ein Herrscher des ostfränkischen Reiches eine Urkunde ausstellen ließ. Ein einziger Ortsname in einem königlichen Diplom genügte, um diesen Tag über elf Jahrhunderte hinweg festzuhalten.

Beitrag öffnen

 

Weitere Beiträge

Altar

Leonhardus

EugenRiegerSterbeurkunde

LateinBONUS

BriefmarkenIII

Geschichte an Hand der Post

Liste Kriegsdenkmaeler

Latein6

Wadgasser Klostermuehle

Cristallerie

Latein2

Wappen der Academia Wadegotia

Alle Beiträge

Drei Foto-Streifzüge durch die ehemalige Cristallerie und das Sommertheater - Dokumente, Fotos uem. vor Ort gefunden und abphotographiert

In diesem Band geht es weder um epische Texte noch um nachbearbeitete Fotos. Hier sprechen die Originalaufnahmen aus mehreren Streifzügen durch das ehemalige Theater in der Cristallerie Wadgassen für sich selbst. Alle dargestellten Elemente waren bis mindestens 2012 auf dem Gelände zu finden. Das Theater bestand von Ende der 1980er (Vereinsgründung 1989) bis 2000 in den Gebäuden der ehemaligen V&B Cristallerie Wadgassen. Nach Umnutzung der Fläche der alten Lagerräume und der Brennöfen des Hauptgebäudes, wurden dort z.B. die New York Story (1996), die Herbst-Zeitlosen (1997), das Cabaret (1998) und Der Mann von La Mancha (1999) aufgeführt. Aus Kostengründen wurde das Sommertheater 2000 eingestellt. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Betrachten der Fotos und dem Entdecken von Informationen aus und um das Theater in der Cristallerie.

Taschenbuch: 196 Seiten, alle Fotos farbig

Phelan Andreas Neumann: Lost Place: Theater in der Cristallerie Wadgassen: Ein Kamerastreifzug 2012/3, Luxemburg 2019.

Buchseite bei amazon

In diesem Band geht es weder um epische Texte noch um nachbearbeitete Fotos. Hier sprechen die Originalaufnahmen aus mehreren Streifzügen durch die ehemalige Cristallerie Wadgassen für sich selbst. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Betrachten der Fotos.

Taschenbuch: 180 Seiten, alle Fotos farbig

Phelan Andreas Neumann: Lost Place: Cristallerie Wadgassen, Luxemburg 2019.

Buchseite bei amazon

Ein Rundgang durch die ehemalige Cristallerie Wadgassen inkl. dem Bereich des Sommertheaters. Hier sprechen die Originalaufnahmen ohne Nachbearbeitung für sich selbst - diesmal sind die Aufnahmen aber in Schwarz-Weiß. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Betrachten der Fotos.

Taschenbuch: 128 Seiten

Phelan Andreas Neumann: Lost Place: Cristallerie Wadgassen in Schwarz-Weiß, Luxemburg 2019.

Buchseite bei amazon

Aktuelle Bilder bei Flickr

Alle Flickr-Bilder