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Wadgassen im 16. Jahrhundert – zwischen Abtei, Reformation und territorialem Wandel
Das 16. Jahrhundert war für Wadgassen eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Reformation, Bauernkrieg und die zunehmende Ausbildung territorialer Herrschaften veränderten die politische und religiöse Ordnung an der Saar. Im Mittelpunkt des damaligen Wadgassen stand die
Prämonstratenserabtei Wadgassen, die nicht nur geistliches Zentrum, sondern zugleich Grundherrschaft, Wirtschaftsbetrieb und bedeutender politischer Faktor in der Region war.
Dabei muss zunächst mit einer Vorstellung aufgeräumt werden: Das heutige Dorf Wadgassen existierte zwischen 1500 und 1600 in dieser Form noch nicht. Wer damals von Wadgassen sprach, meinte vor allem die Abtei mit ihrem Oberhof, ihren Wirtschaftsgebäuden und den zugehörigen Besitzungen. Die Bevölkerung lebte überwiegend in den umliegenden Dörfern, Höfen und Siedlungen.
Wadgassen um 1500
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts konnte die Prämonstratenserabtei bereits auf eine fast vierhundertjährige Geschichte zurückblicken. 1135 hatte Erzbischof Albero von Trier in Wadgassen ein Prämonstratenserkloster gegründet und Wolfram aus der Abtei Prémontré als ersten Abt eingesetzt.
In den folgenden Jahrhunderten hatte sich Wadgassen zu einem geistlichen und wirtschaftlichen Zentrum an der mittleren Saar entwickelt. Der Besitz der Abtei beschränkte sich keineswegs auf ihre unmittelbare Umgebung. Höfe, Grundstücke, Mühlen, Kirchenrechte und andere Einkünfte lagen teilweise weit entfernt vom eigentlichen Kloster.
Der Kern der Wadgasser Herrschaft umfasste die eigentliche Abtei mit Oberhof und Spurk sowie die Meierei Hostenbach mit Hostenbach, Schaffhausen und Werbeln. Daneben besaß das Kloster zahlreiche weitere Rechte und Güter.
Der Abt von Wadgassen war deshalb nicht lediglich Vorsteher einer Gemeinschaft von Prämonstratenser-Chorherren. Er war zugleich Grundherr und Verwalter eines umfangreichen Besitzes.
Für die Menschen bedeutete dies, dass die Abtei Bestandteil ihres täglichen Lebens war. Sie bewirtschafteten oder pachteten klösterliches Land, benutzten Mühlen, entrichteten Abgaben und Zehnten oder standen in anderen rechtlichen Beziehungen zum Kloster.
Umgekehrt bestanden auch Verpflichtungen der Abtei gegenüber Gemeinden und Kirchen. Alte Verträge, Schenkungen und Gewohnheitsrechte bildeten ein kompliziertes Geflecht gegenseitiger Ansprüche.
Die Äbte des 16. Jahrhunderts
An der Spitze der Abtei standen während des 16. Jahrhunderts mehrere Äbte:
1478–1510 – Paulus Tronz1510–1525 – Johann von Tholey1525–1540 – Kilian Heilmann1541–1549 – Leonhard Pfalz1549–1551 – Richardus1551–1571 – Seyfridus1571–1579 – Adam Werbel1579–1607 – Claudius BistenIhre Amtszeiten fielen in eine Epoche, in der sich die politischen und religiösen Verhältnisse im Heiligen Römischen Reich grundlegend veränderten. Besonders die Äbte der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mussten die katholische Stellung Wadgassens gegenüber einem zunehmend protestantischen Umfeld behaupten.
1525 – der Bauernkrieg erreicht Wadgasser Besitz
Der Deutsche Bauernkrieg von 1524 und 1525 erschütterte große Teile Südwestdeutschlands. Bauern und andere Untertanen wandten sich gegen Abgaben, Frondienste und die Einschränkung überlieferter Rechte. Religiöse Forderungen verbanden sich dabei teilweise mit sozialen und wirtschaftlichen Konflikten.
Auch Wadgassen blieb davon nicht völlig unberührt.
Dabei muss allerdings zwischen der eigentlichen Abtei an der Saar und ihrem weit verstreuten Besitz unterschieden werden.
Am 29. April 1525 versammelten sich in Bockenheim in der Pfalz Aufständische. Dort befand sich ein Wirtschaftshof der Abtei Wadgassen. Der Weinkeller des Wadgasser Hofes wurde geplündert.
Der Vorgang zeigt eine Schwäche der ansonsten wirtschaftlich vorteilhaften Struktur des Klosterbesitzes. Die weit verstreuten Güter sorgten für Einkünfte, konnten in Krisenzeiten aber nur schwer geschützt werden.
Ausgerechnet 1525 fand auch ein Wechsel an der Spitze der Abtei statt. Auf Johann von Tholey folgte Kilian Heilmann.
Die Reformation erreicht die Saar
Langfristig wesentlich bedeutender als der Bauernkrieg wurde für Wadgassen die Reformation.
Mit Martin Luthers Auftreten ab 1517 begann eine Entwicklung, die innerhalb weniger Jahrzehnte die religiöse Landkarte des Reiches grundlegend verändern sollte.
Die unmittelbare Umgebung Wadgassens blieb zunächst katholisch. Graf Johann Ludwig von Nassau-Saarbrücken, der von 1490 bis 1545 regierte, hielt am alten Glauben fest.
Damit blieb die bestehende kirchliche Ordnung im Wadgasser Raum zunächst weitgehend erhalten.
Anders entwickelte sich die Lage in anderen Territorien. Dort wurden Klöster aufgehoben, kirchlicher Besitz eingezogen und katholische Einrichtungen beseitigt oder in protestantische Einrichtungen umgewandelt.
Davon waren auch Häuser des Prämonstratenserordens betroffen.
Die Abtei Wadgassen selbst überstand die Reformation.
Das war keineswegs selbstverständlich.
1575 – ein protestantischer Landesherr
Eine entscheidende Veränderung erfolgte 1575.
Graf Philipp III. von Nassau-Saarbrücken führte in seiner Grafschaft die Reformation ein.
Für Wadgassen entstand damit eine ungewöhnliche Situation. Die Grafen von Saarbrücken besaßen seit langer Zeit Schutz- und Herrschaftsrechte gegenüber der Abtei. Nun stand der weiterhin katholischen Prämonstratenserabtei ein protestantischer Schutzherr gegenüber.
Dabei ging es nicht lediglich darum, welcher Gottesdienst gefeiert wurde.
Religion und Herrschaft waren im 16. Jahrhundert eng miteinander verbunden. Die Konfession beeinflusste die Besetzung von Pfarrstellen, kirchliche Einkünfte, Patronatsrechte, Schulen und zahlreiche weitere Bereiche des öffentlichen Lebens.
Für die Abtei konnte die Reformation sogar zur Existenzfrage werden. In anderen protestantisch gewordenen Territorien waren Klöster aufgehoben und deren Besitz von den Landesherren eingezogen worden.
Wadgassen blieb dagegen katholisch.
Der Kampf um die Pfarreien
Besonders deutlich wurden die neuen Verhältnisse bei den Kirchen und Pfarreien, über die die Abtei Wadgassen Patronats- oder Besetzungsrechte besaß.
Einige dieser Kirchen lagen nun innerhalb protestantischer Territorien.
Damit stellte sich eine grundsätzliche Frage:
Wer durfte dort den Pfarrer einsetzen – der katholische Abt von Wadgassen oder der protestantische Landesherr?
Und welcher Konfession sollte der Pfarrer angehören?
Solche Konflikte lassen sich unter anderem für Ensheim nachweisen. Die Saarbrücker Herrschaft versuchte dort, protestantische Geistliche einzusetzen. Die vollständige und dauerhafte Durchsetzung der Reformation erwies sich jedoch als schwierig.
Auch andernorts traf der wachsende Herrschaftsanspruch Nassau-Saarbrückens auf alte Rechte der Abtei Wadgassen.
Die konfessionelle Landkarte der Saarregion war deshalb wesentlich komplizierter, als eine einfache Einteilung in katholische und protestantische Gebiete vermuten lässt.
Adam Werbel und der Beginn einer neuen Epoche
Von 1571 bis 1579 stand
Adam Werbel der Wadgasser Abtei vor.
Seine Amtszeit fiel genau in jene Jahre, in denen Nassau-Saarbrücken protestantisch wurde.
Damit gehörte Werbel zu jenen Wadgasser Äbten, die sich erstmals dauerhaft mit einer vollkommen veränderten konfessionellen Situation auseinandersetzen mussten.
Nach ihm übernahm 1579 Claudius Bisten die Leitung der Abtei. Er sollte bis 1607 amtieren und Wadgassen damit über die Jahrhundertwende hinaus führen.
1581 – ein Schlüsseljahr für Wadgassen
Neben den konfessionellen Auseinandersetzungen bestand ein weiteres Problem: Wer besaß eigentlich die landesherrliche Gewalt über Wadgassen?
Diese Frage lässt sich für das 16. Jahrhundert nicht mit heutigen Vorstellungen von Staatsgrenzen beantworten.
Herrschaft setzte sich aus zahlreichen einzelnen Rechten zusammen. Grundbesitz, Gerichtsbarkeit, Schutzrechte, Steuern, Lehensrechte, Zehnten und kirchliche Rechte konnten verschiedenen Herren zustehen.
Im Falle Wadgassens konkurrierten insbesondere Nassau-Saarbrücken und das Herzogtum Lothringen um Einfluss.
Am
23. August 1581 kam es schließlich zu einem Vergleich zwischen Herzog Karl von Lothringen und Graf Philipp von Nassau-Saarbrücken.
Gegenstand der Vereinbarung waren unter anderem die umstrittenen Rechte an den Klöstern Wadgassen und Fraulautern sowie weitere Herrschaftsrechte.
Lothringen verzichtete schließlich auf seine Ansprüche auf Wadgassen.
Das Jahr 1581 bildet deshalb einen wichtigen Einschnitt in der Geschichte der Abtei. Von nun an befand sie sich eindeutig unter der Landesherrschaft der Grafen von Nassau-Saarbrücken.
Damit war allerdings keineswegs jeder Konflikt beendet.
Eine katholische Abtei in protestantischer Umgebung
Gegen Ende des Jahrhunderts entstand eine bemerkenswerte politische und religiöse Konstellation.
Die Abtei Wadgassen blieb katholisch.
Der Landesherr war protestantisch.
Die Abtei verfügte weiterhin über alte Rechte und umfangreichen Besitz.
Gleichzeitig versuchte Nassau-Saarbrücken, seine landesherrliche Gewalt auszubauen.
Wadgassen wurde dadurch zu einer katholischen Institution innerhalb eines zunehmend protestantisch geprägten politischen Umfeldes.
Dass die Abtei diese Entwicklung überstand, gehört zu den bemerkenswerten Aspekten ihrer Geschichte. Zahlreiche andere Klöster waren während der Reformation aufgehoben worden.
Wadgassen blieb bestehen.
Wie lebten die Menschen im Wadgasser Raum?
Über Äbte, Besitzübertragungen, Gerichtsverfahren und politische Verträge wissen wir wesentlich mehr als über den Alltag der einfachen Bevölkerung.
Das liegt vor allem an der Überlieferung.
Urkunden wurden geschrieben, wenn Land verkauft oder verschenkt wurde, Rechte bestätigt werden mussten oder ein Streit entstand. Der gewöhnliche Arbeitstag eines Bauern erschien dagegen kaum erwähnenswert.
Dennoch lässt sich die Lebenswelt in ihren Grundzügen beschreiben.
Die Bevölkerung lebte überwiegend von der Landwirtschaft. Ackerbau und Viehzucht bildeten die Grundlage des Lebens. Hinzu kamen Waldnutzung, Fischerei, Handwerk und der Betrieb von Mühlen.
Auch die
Bist und die Saar prägten Landschaft und Wirtschaft.
Das Jahr wurde durch zwei große Rhythmen bestimmt: die Landwirtschaft und die Kirche.
Aussaat, Heuernte und Ernte bestimmten den Arbeitskalender. Gleichzeitig gliederten Sonn- und Feiertage, Fastenzeiten und kirchliche Feste das Jahr.
Die Abtei war dabei nicht irgendein entferntes geistliches Zentrum. Sie war Grundbesitzer, Arbeitgeber, Verpächter, Empfänger von Abgaben und zugleich religiöser Mittelpunkt.
Wadgassen war noch kein Dorf
Für das Verständnis der Ortsgeschichte ist ein Punkt besonders wichtig:
Das heutige Wadgassen gab es im 16. Jahrhundert als Dorf noch nicht.Wer sich Wadgassen im Jahre 1550 als kleinere Version des heutigen Ortes vorstellt, liegt falsch.
Im Mittelpunkt stand die große Prämonstratenserabtei mit ihren Wirtschaftsgebäuden, dem Oberhof und den unmittelbar zugehörigen Flächen.
Zum Kernbereich der Herrschaft gehörten daneben Hostenbach, Schaffhausen und Werbeln. Auch in Differten und Friedrichweiler verfügte die Abtei über Besitz beziehungsweise Rechte.
Das eigentliche Dorf Wadgassen entwickelte sich wesentlich später, insbesondere nach dem Untergang der Abtei am Ende des 18. Jahrhunderts.
Das Wadgassen des 16. Jahrhunderts war deshalb in erster Linie die Abtei –
Wadegotia.
Wadgassen um 1600
Zwischen 1500 und 1600 hatte sich die Welt rund um Wadgassen erheblich verändert.
Um 1500 bestand im Wesentlichen noch die religiöse Ordnung des Mittelalters.
Hundert Jahre später war die Einheit der westlichen Kirche zerbrochen. Nassau-Saarbrücken war protestantisch geworden. Zahlreiche Klöster waren verschwunden und die Territorialherren versuchten immer stärker, ihre Herrschaftsgebiete politisch und konfessionell zu vereinheitlichen.
Die Abtei Wadgassen aber bestand weiterhin.
Um 1600 stand mit Claudius Bisten noch immer ein katholischer Abt an ihrer Spitze. Die Prämonstratenser verfügten weiterhin über Besitzungen, wirtschaftliche Einkünfte und kirchliche Rechte weit über Wadgassen hinaus.
Gerade darin liegt eine Besonderheit der Wadgasser Geschichte.
Die Abtei hatte eine Epoche überstanden, in der zahlreiche vergleichbare geistliche Einrichtungen verschwunden waren.
Ihr Ende kam nicht durch die Reformation.
Es lag noch fast zwei Jahrhunderte in der Zukunft.
Zeittafel 1500–1600
1500 – Paulus Tronz ist Abt von Wadgassen.
1501 – Überlieferter Streit zwischen Kleinbockenheim und der Abtei Wadgassen über Rechte und Verpflichtungen.
1510 – Johann von Tholey wird Abt.
1517 – Beginn der Reformation mit dem Auftreten Martin Luthers.
1525 – Der Deutsche Bauernkrieg erreicht Besitzungen der Abtei. Der Weinkeller eines Wadgasser Wirtschaftshofes in Bockenheim wird geplündert.
1525 – Kilian Heilmann wird Abt.
1541 – Leonhard Pfalz wird Abt.
1549 – Richardus wird Abt.
1551 – Seyfridus wird Abt.
1571 –
Adam Werbel wird Abt.
1575 – Einführung der Reformation in Nassau-Saarbrücken.
1579 – Claudius Bisten wird Abt von Wadgassen.
1581 – Vergleich zwischen Lothringen und Nassau-Saarbrücken. Lothringen verzichtet auf seine Ansprüche auf Wadgassen.
1600 – Die Abtei Wadgassen besteht weiterhin als katholisches Prämonstratenserkloster unter Abt Claudius Bisten.
Quellen und Literatur
Josef Burg: Regesten der Prämonstratenserabtei Wadgassen bis zum Jahre 1571. Saarbrücken 1980.
Die Regesten gehören zu den wichtigsten Grundlagen für die Erforschung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte der Abtei Wadgassen. Sie erschließen zahlreiche Urkunden und Nachrichten zur Geschichte des Klosters chronologisch.
Saarländisches Landesarchiv, Saarbrücken: Bestände zur Abtei Wadgassen und zu Nassau-Saarbrücken, darunter die Überlieferung zum Vergleich zwischen Lothringen und Nassau-Saarbrücken von 1581.
Landeshauptarchiv Koblenz: Überlieferung zur Prämonstratenserabtei Wadgassen.
Bistumsarchiv Trier: Überlieferung zur kirchlichen Geschichte Wadgassens und seiner Pfarreien.
Norbert Backmund: Monasticon Praemonstratense. Grundlegendes Nachschlagewerk zu den Niederlassungen und zur Geschichte des Prämonstratenserordens.
Siehe auch:
Abtei Wadgassen |
Allgemeine Informationen zur Wadgasser Abtei |
Artikel zur Wadgasser Abtei |
Äbte der Wadgasser Abtei |
Adam Werbel |
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